Meine innere Stimme sagt mir, ich möchte heute noch umziehen – kann nicht so genau erklären warum – einfach so ein Gefühl. Also wieder alles packen nach dem Frühstück und quer durch Lissabon. Doch erst noch tanken. Bei der Tankstelle sehe ich eine verrückte Wetterfront direkt hinter den Häusern von Lissabon. Bei uns würde so etwas vermutlich ein Unwetter oder Regen bedeuten. Doch die Wetter-App gibt sich ganz entspannt und macht die Vorhersage, dass die Wolken auf das Meer weiter raus ziehen werden.

Nach ca. 25 -30 Minuten taucht die berühmte rote Brücke vor mir auf und ich habe das Glück, genau da drüber zu fahren.

Upps – es ist dreispurig in einer Richtung. Ich fahre ganz rechts und bin ganz schön nahe am Abgrund. Und unter mir macht ständig etwas merkwürdige Geräusche….


Und nach einigen Momenten taucht auch schon das nächste Wahrzeichen von Lissabon auf: das Santurário Cristo Rei.

Mit ausgebreiteten Armen wendet sich die Figur des Christus König der Ponte 25 de Abril und der Stadt Lissabon zu. Sie steht auf einem 82 m hohen Sockel. Dieser befindet sich 133 m über dem Tejo. Die Statue selbst ist 28 m hoch und damit die neunthöchste Christusstatue der Welt. Das Monument ist eines der höchsten Bauwerke Portugals. Wegen ihrer Höhe ist die Statue einer der besten Aussichtspunkte auf Lissabon. Mit Fátima und Santiago de Compostela zählt sie zu den drei wichtigsten Wallfahrtsorten der Iberischen Halbinsel. (Quelle Wikipedia) Vorbild war die Christus Statue in Rio. Als Portugal, das sich im 2. Weltkrieg weitgehend neutral verhalten hatte, vom Krieg verschont blieb, planten wichtige kirchliche Würdenträger eine Statue nach dem Vorbild von Rio zu errichten, als Ausdruck der Güte Gottes Portugal vom Krieg zu verschonen. 1940 schon angedacht, später konkreter geplant, wurde 1949 mit dem Bau begonnen. 1959 wurde das Bauwerk fertig gestellt. 1958 machte man sich Gedanken, eine Brücke zu bauen, die genau auf die Cristo Rei Brücke zuführt. Diese wurde 1966 fertig gestellt und 1991 erweitert. Sie ist weltweit die drittlängste Hängebrücke mit kombiniertem Straßen- und Eisenbahnverkehr und ist doppelstöckig ausgeführt (Quelle: Wikipedia). – …und jetzt weiß ich auch woher die komischen Geräusche stammten. Vermutlich ist gerade unter mir ein Zug durchgefahren, als ich über die Brücke oben gefahren bin!

Danach geht es weiter zu einem Campingplatz in Costa de Caparica. Das Wetter hält den ganzen Tag wunderbar. Die Wetter App hat richtig gelegen! Ich kann mir den Stellplatz auch hier selbst aussuchen und finde einen schönen Platz mit natürlichem Schatten.
Am Nachmittag telefoniere ich mit Werner und spreche noch einmal alles mit ihm durch. Wir freuen uns beide auf den morgigen Tag! Von Werner bekomme ich den Tipp, dass gerade das Spiel Kap Verde gegen Spanien läuft und nach ca. 35 Minuten sei noch kein Tor gefallen. Das klingt unglaublich und so schalte ich das Fernsehen ein und bleibe bis zum Schluss bei diesem Spiel hängen. Es gelingt den mutigen Spielern von Kap Verde doch tatsächlich ein 0: 0 zu erzielen. Was zu einem großen Teil auch den hervorragenden Leistungen und schnellen Reaktionen des Torwarts zu verdanken ist.
Jetzt wird es endlich Zeit für eine Fahrt mit dem Fahrrad zum Strand. Bin mal gespannt, wie es da aussieht. Ich entscheide mich linksherum zu fahren, als ich aus dem Campingplatz rausfahre. Und nach ca. 1,5 km bin ich plötzlich aus Versehen in einer Art Slum von Lissabon gelandet. Alles was ich sehe spiegelt extreme Armut wider. Doch ich sehe vor mir plötzlich das Ufer des Tejo.

Und so schiebe ich mein Fahrrad durch eine kleine Düne bis zum Strand. Der Sand ist so fest, dass ich beschließe auszuprobieren, ob man hier Fahrrad fahren kann am Strand. Und tatsächlich – es funktioniert. Ich freue mich riesig. Einerseits, dass ich jetzt in Lissabon bin und am Ufer des Tejo – andererseits über das Erlebnis, zum ersten Mal im Leben mit dem Fahrrad über den Strand zu fahren. Doch die zweite Freude währt nicht lange, denn plötzlich wird der Sand weicher und dann sinke ich ein. Ich schiebe weiter so weit es geht. In der Hoffnung, einen Blick auf die rote Brücke zu erhaschen. Doch daraus wird nichts. Der Tejo macht eine Rechtskurve von meinem Standpunkt aus gesehen und eine große Fabrik versperrt mit den Weg. Viele Angler sind hier am Abend unterwegs. Ich frage einen von Ihnen, ob ich ein Foto von ihm machen darf. Er bejaht und stellt sich stolz in Pose mit seiner fast drei Meter langen Angel.

Da ich nicht weiterkomme, drehe ich um und kann noch ein Stück auf dem Strand fahren.
Nun überlege ich, links herum wo ich hergekommen bin oder rechts herum durch die spezielle Siedlung. Google Maps sagt rechts herum und mein Sozialpädagogenherz bejaht diesen Plan. Ein wenig mulmig ist mir schon. Doch bisher bin ich in meinem Leben immer gut durch solche Situationen gekommen, dann wird es auch dieses Mal klappen. Die Menschen schauen mich neugierig an. Sie grüßen nicht und grüßen auch nicht zurück. Doch sie verhalten sich nicht aggressiv mir gegenüber. So schiebe ich mein Fahrrad über Stock und Stein – was hier eine Straße sein soll. Als ich gerade keine Menschen in meiner direkten Nähe sehe, traue ich mich ein Foto zu machen.

Die Häuser sind nur Häuschen. Extrem eng aneinander gebaut. Am Rande der Siedlung nur Müll über hunderte Meter. Auch hier in dieser Stadt ist es wohl, wie ich es auch in Sevilla in Spanien erlebt habe, die Schere zwischen Arm und Reich geht extrem auseinander. 800 m weiter eine ganz andere Art der Bebauung.

Ein Freund von mir, der viele Jahre in Australien gelebt hat, hat einmal zu mir gesagt: Es ist wirklich eine Stärke von Deutschland, Holland und den skandinavischen Ländern, dass es so viel Soziale Arbeit gibt und den Sozialstaat. Dadurch geht die Schere zwischen Arm und Reich zwar auch auseinander, doch längst nicht so stark wie in den meisten anderen Ländern der Erde. Das geht mir gerade durch den Kopf. Manchmal muss man eine Reise machen, um wieder neue positive Dinge in Deutschland zu entdecken.
Und nun finde ich nach einem langen Umweg endlich tatsächlich den Praia do Santa Antonio, den Strand. Auf den ersten Blick sieht es hässlich aus.Ich sehe nur Beton und eine Treppe. Doch als ich die Treppe hochlaufe, staune ich. Ich stehe auf einer sehr schönen, kilometerlangen und schnurgeraden Strandpromenade mit vielen Menschen, Cafés, Restaurants und kleinen Shops und vor mir Strand und Meer.

Im Café do Mar gibt es noch freie Plätze mit Blick auf den Sonnenuntergang und so beschließe ich zur Feier des Tages, dort auf der Terrasse Platz zu nehmen und mir ein frisch gezapftes Bier zu gönnen.

War es erst noch relativ ruhig, geht jetzt beim einsetzenden Sonnenuntergang plötzlich die Post ab, hier auf der Promenade. Langweilig wird es einem nicht – ständig gibt es etwas zum Schauen.. Alle möglichen Menschen von jung bis alt, alle möglichen Nationalitäten flanieren hier vor mir entlang und dazu noch jede Menge Radfahrer, Hunde, Jogger und vor allem Skatebordfahrer und Fahrerinnen. Einige sind noch Anfänger und üben sichtlich. Einige sind wahre Könner und gleiten mit gekonntem elegantem Körpereinsatz dahin. Wow das hat was!

Und dann setze ich mich noch ein wenig auf einen Felsen am Strand und schaue auf die bunten Lichter von Lissabon in der Nacht. Apropos NACHT. Seit ich das Buch „NACHTZUG nach Lissabon“ vor vielleicht 18 Jahren gelesen habe, habe ich immer davon geträumt, einmal Lissabon zu besuchen. Und nun bin ich da…

…und das ist so schön!

Hinterlasse einen Kommentar